Bericht von J.Baumbauch, J.Köchy (Juli-August 2016)

Zwischen Moderne und Tradition – ein Einblick in die mongolische Bevölkerung auf dem Land.

Traditionelle Lebensweise und Neuorientierung an westlichen Standards sind ein Spagat, den die Bewohner der Mongolei in ihrem Alltag vollbringen. – Dies schlägt sich in der Lebensweise und damit auch Ernährung und Mundgesundheit nieder. Ein Bericht aus der Nähe.

 

Die Mongolei steht für endlos weite Landschaften, in der Nomadenfamilien mit Pferden, Ziegen, Kühen und Yaks umherziehen, einem Leben in Jurten oder einer pulsierenden Großstadt, geprägt durch den Buddhismus, aber auch für die Weite des Horizontes. Der Himmel ist den Bewohnern der Mongolei heilig.

 

Der Zugang zu (zahn)medizinischer Behandlung ist der Bevölkerung des Landes möglich, aber mit teilweise tagelanger Reise durch die unwegsame Steppe verbunden.

Ein Land, das die Nachwehen des Niedergangs des Sozialismus im Jahr 1989 verarbeiten musste. Würde die Ernährung der Bevölkerung wie Jahrhunderte zuvor ausschließlich aus den landeseigenen Produkten und Grundnahrungsmitteln bestehen, hätte uns ein anderes Bild der Kinderzähne erwartet – billige Süßigkeiten aus den Nachbarnationen Russland und China sorgen bei Kindern für kurzzeitigen Genuss, was in einer gravierend hohen Inzidenz an Kariesvorkommen resultiert.

 

Der Wunsch dieses Land zu bereisen, bezog sich zunächst darauf, die Weite der Landschaft zu erfahren – möglichst auf dem Rücken eines der kleinen zähen Pferde. Durch Zufall entstand ein Kontakt zu dem Verein KHAAN medical aid e.V.. Bisher wurden keine Einsätze mit internationalen Zahnärzten geplant oder durchgeführt. K. Damdindorj als Mitgründerin des medizinischen Hilfsprojektes, erkannte einen Behandlungsbedarf in ihrem Heimatland und ohne medizinische Vorkenntnisse zu besitzen, übernahm sie kurzerhand die Planung, Vorbereitung und Durchführung des zahnmedizinischen Projektes.

 

In dem kleinen Dorf Orkhontuul, welches 300km aber 6 Autostunden nord-westlich von der Hauptstadt Ulaanbaatar entfernt ist, gibt es wie vielerorts keine ständige zahnmedizinische Versorgung, die in weniger als einer Tagesreise zu erreichen wäre.

Durch eine Vorankündigung per Aushang in den kleinen ortsansässigen „Supermärkten“ wurden die Bewohner des Dorfes und die Nomadenfamilien auf die Möglichkeit einer zahnmedizinischen Untersuchung in einem Zeitraum von 3 Wochen aufmerksam gemacht.

Orkhonthuul ist durch die Geschichte des Abzweiges der transsibirischen Eisenbahn ein zweigeteiltes Dorf. Der infrastrukturell vorteilhaftere Teil ist an eine Bahnstrecke in die Hauptstadt und die nächste Provinzstadt angebunden – hier ist das Krankenhaus gut geführt und organisiert.

Der andere Teil ist 20km davon entfernt und war Ausgangspunkt des zahnmedizinischen Agierens. In einer Gastfamilie durften wir das Leben einer mongolischen Großfamilie und das tägliche Zusammenkommen der Dorfbewohner und Nomadenfamilien erleben.

Entgegen unserer Vermutungen, standen bereits am ersten Behandlungstag mehr als 15 Kinder mit ihren Eltern vor dem schon baulich etwas mitgenommenen Krankenhaus als wir dort eintrafen. Täglich warteten mehr als 30 Patienten geduldig auf ihre Behandlung. Teilweise kamen die Patienten von weither, um unbeirrbar bis zu 9 Stunden auf eine Füllung oder Extraktion oder einen Rat zu warten.

 

Da der Einsatz lediglich von 2 Zahnärztinnen und unserer mongolischen Kontaktperson durchgeführt wurde, hatte jeder von uns mehrere Aufgaben gleichzeitig zu übernehmen. Dabei vereinte K. Damdindorj den Beruf der Dolmetscherin, Rezeptionskraft, Ansprechpartnerin bei streikender Technik und zahnmedizinischen Helferin.

 

Das Behandlungszimmer war ein kleiner Raum, in dem ein einfacher Massagestuhl und vorhandene Schreibtische in eine zahnärztliche Einheit umfunktioniert wurden. Eine chirurgische Absauganlage ließ sich in dem Krankenhaus auftreiben, welche scheinbar noch nie genutzt wurde. Zunächst behandelten wir mit Hilfe einer chinesischen Einheit, die in einem koffergroßen Kasten steckte. Bereits am dritten Behandlungstag verweigerte diese ihre Dienste. Sie wurde kurzerhand durch die Mithilfe und Kontakte einer Zahnärztin aus Ulaanbaatar durch ein robusteres russisches Fabrikat ersetzt. Damit war die Füllungs- auch nebst der Extraktionstherapie gesichert, vorausgesetzt, dass Strom und Wasser im Krankenhaus zuverlässig waren.

Eine sehr fleißige Mitarbeiterin des Krankenhauses sorgte in unregelmäßigen Abständen für die Sterilisation der Instrumente, sodass mehrere Einsätze der einschlägigen Extraktionszangen möglich waren. (Der 6-Jahr-Molar musste teilweise schon bei 12-jährigen Patienten herausgenommen werden.)

Fast alle Verbrauchsmaterialien wurden durch unsere gut organisierte Projektleiterin K.Damdindorj im Vorfeld von Deutschland aus verschickt oder in Ulaanbaatar durch einen Kontakt zu der Zahnärztin Narantsetseg in der Hauptstadt akquiriert.

Nach 16 Behandlungstagen im Zeitraum vom 14. Juli bis 01. August 2016 konnten in beiden Teilen des Dorfes 439 Kinder untersucht werden. Davon erhielten die meisten Kinder eine Extraktion ihrer vorwiegend stark zerstörten und bereits fistelnden Milchzähne. Teilweise wurden auch bleibende Zähne der jungen Patienten entfernt oder mussten mit einer Füllung therapiert werden. Der Fokus der Behandlung sollte jedoch bei Patienten liegen, die jünger als 18 Jahre waren. Ältere Patienten warteten häufig geduldig und erhielten am Ende des Behandlungstages gewünschte oder notwendige Untersuchungen.

 

Die sich anschließende Reise durch einen kleinen Teil des Landes, der mit den zurückgelegten 2800km in 9 Tagen erfahren werden konnte, sorgte für einen schönen Abschluss und vollständiges „Ins-Herz-schließen“ der Nation mit ihren Traditionen, Bräuchen und großartiger Gastfreundschaft.

Obwohl oder auch gerade weil sich der Alltag in der Mongolei ganz anders als zu Hause gestaltet und die gewohnten Bequemlichkeiten, die zu Hause ganz selbstverständlich erscheinen, verlassen werden müssen, ist ein Einblick empfehlenswert und spannend. Eine Reise in dieses wunderschöne und vielfältige Land ist diese Erfahrung auf jeden Fall wert und in jeder Hinsicht bereichernd.

ZÄ Juliane Baumbach                   

ZÄ Dr. Juliane Köchy